Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer

Umsetzung der UWE-Befragung in Geldern

Interview

Wissen für die Welt von morgen
Wie die UWE-Befragung die kommunale Planung in Geldern veränderte

Für ihr „Nachhaltiges Stadtentwicklungskonzept 2040“ stand die Stadt Geldern vor einer zentralen Frage: Wie wollen die Menschen im Jahr 2040 leben? Im Austausch mit der Jugendhilfeplanung der Stadt wurde schnell klar, dass man dafür diejenigen einbeziehen muss, die im Jahr 2040 erwachsen sein werden – die heutigen Kinder. Um ihre Perspektiven, Wünsche und alltäglichen Herausforderungen wirklich zu verstehen, bedarf es eines direkten Einblicks in ihre Lebensrealität. Amtliche Statistiken und Kennzahlen aus kommunalen Planungsdaten greifen hier jedoch zu kurz, da diese das persönliche Erleben der künftigen Erwachsenen nicht umfassend abbilden. Rückschlüsse auf das subjektive Wohlbefinden oder die tatsächlichen Bedarfe von Kindern und Jugendlichen sind damit in der Regel nicht möglich.

Eine Entwicklung von Schulstandorten, die den Sozialraum einbezieht, erfordert ein Verständnis der Bedingungen, unter denen Schulen arbeiten und Schüler*innen lernen. Ein Schulstandort ist dabei mehr als die Schule selbst: Er umfasst den Zusammenhang zwischen schulischer Organisation, lokaler Infrastruktur (z. B. Kitas, Jugendhilfe, Kulturangebote), Lebensbedingungen von Familien und verfügbaren Unterstützungssystemen. Damit Schulstandortentwicklung wirksam wird, müssen Lern- und Lebensbedingungen zusammengedacht werden.

Eine gezielte Erhebung dazu, wie der schulische Sozialraum von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen wird, ermöglicht eine passgenaue Gestaltung des Lernumfelds. Das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen ist dabei relevant, da Belastung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Unterstützungserleben zentrale Bedingungen von Lern- und Bildungsprozessen sind. Es ist Voraussetzung für Lernmotivation, Engagement und gelingende Lernprozesse (Sliwka, 2024). Schulstandortentwicklung sollte neben kognitiven Ergebnissen auch Wohlbefinden und soziale Bedingungen berücksichtigen. 

Die Erhebung, Auswertung und Nutzung von Informationen zu Umwelterleben, Wohlbefinden und Entwicklung (UWE) von Kindern und Jugendlichen (ggf. ergänzt um Eltern- oder Fachkräfteperspektiven) ermöglichen es Kommunen, 

  • amtliche Daten um Informationen zu subjektivem Wohlbefinden und Erleben zu ergänzen,
  • Informationen zu Schule und Sozialraum verknüpft zu erheben,
  • Schutz- und Risikofaktoren am Schulstandort und im Sozialraum sichtbar zu machen,
  • Unterstützungs- sowie Präventionsketten gemeinsam mit Schulen und außerschulischen Akteuren zu koordinieren,
  • Maßnahmen passgenau im direkten Lebensumfeld der nachwachsenden Generationen zu verankern,
  • personelle und finanzielle Ressourcen der Kommune zielgerichtet einzusetzen,
  • demokratische Teilhabe vor Ort zu fördern.

Um diese "weißen Flecken" auf der Datenlandkarte zu füllen, entschied sich Geldern 2023 für die Befragung „Umwelt, Wohlbefinden und Entwicklung“ (UWE), entwickelt an der Ruhr-Universität Bochum und durchgeführt vom Verein Familiengerechte Kommune. Das Instrument kombiniert quantitative Daten aus einem standardisierten Fragebogen zum subjektiven Wohlbefinden und unterstützenden Bedingungen im Lebensumfeld (Ressourcen) mit qualitativen Bausteinen wie einer optionalen Fotosafari. Als konkretes Ergebnis erhalten die Kommunen detaillierte Stadt- und Schulberichte, die direkte Handlungsbedarfe für die Schulstandortentwicklung aufzeigen.

Die Erhebung lieferte nicht nur eine valide Datengrundlage für die zukunftsgerichtete Planung, sondern stieß einen tiefgreifenden Wandel in der Haltung und im Handeln der Verwaltung an. Im Interview mit KOSMO schildern Denis Erbozkurt-Beckers und Isabel Schwandt den Prozess und die weitreichenden Ergebnisse. Ergänzend finden sich auf dieser Seite vertiefende Informationen zum Erhebungsinstrument.

 

Unsere Interviewpartner*innen

Denis Erbozkurt-Beckers

Denis Erbozkurt-Beckers

Stadt Geldern, Nordrhein-Westfalen
Jugendhilfeplaner,  Stabstelle Jugendhilfe- und Sozialplanung

Kontakt: denis.erbozkurt-beckersREMOVE-THIS.@.@.@.www.@...@.@(at).@.www.geldern.@@.:.:&""de


Bild: Stadt Geldern, Adrian Terhorst

Isabel Schwandt

Isabel Schwandt

Familiengerechte Kommune e.V.
Projektleitung Kommunal-Atlas (KECK) und Frag‘ UWE

Kontakt: infoREMOVE-THIS.@.@.@.www.@...@.@(at).@.www.familiengerechte-kommune.@@.:.:&""de


Bild: Bianca Schröder, Ganderkesee

In Kanada wird das Wohlbefinden von Schüler*innen gezielt betrachtet und als datenbasierte Grundlage für schulische und kommunale Entwicklungsprozesse genutzt.

Kanada erzielt in PISA seit Jahren überdurchschnittliche Ergebnisse und gehört zu den wenigen Ländern, die eine sehr geringe Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft aufweisen. Dies wird in der Fachliteratur oft auf einen Dreiklang der Schulstandortentwicklung zurückgeführt: Excellence (Leistung), Equity (Chancengerechtigkeit) und Well-being (Wohlbefinden) (Sliwka, 2024). 

Die UWE-Befragung ist die wissenschaftlich fundierte deutsche Adaption des kanadischen „Middle Years Development Instrument“ (MDI), entwickelt an der University of British Columbia und durchgeführt auf Provinzebene, zum Beispiel in der Provinz British Columbia. Auf die deutschen Rahmenbedingungen angepasst und weiterentwickelt wurde das Instrument vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Fakultät für Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 

Das Ziel der Befragung liegt darin, ein tiefes Verständnis für das soziale und emotionale Wohlbefinden von Kindern zu gewinnen. Schulen, Quartiere, Kommunen und Familien erhalten dadurch verwertbare Daten für die Gestaltung des Lern- und Lebensumfelds. Diese Informationen bilden die Grundlage für Programme, Richtlinien und Unterstützungsangebote, die eine positive Entwicklung von Kindern in dieser entscheidenden Lebensphase gezielt fördern.

Die UWE-Befragung ergänzt amtliche Daten mit Informationen zu Bedarfen und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen.

Kommunale Planer*innen stützen sich häufig auf statistische Daten zur Armutsquote, zum Anteil Alleinerziehender oder zur Inanspruchnahme von SGB-II-Leistungen als Indikatoren für die soziale Lage, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen. „Daraus leiten wir immer ab, wie es den Kindern geht“, erklärt Isabel Schwandt, Projektleitung UWE beim Verein Familiengerechte Kommune. „Aber eigentlich ist da eine große Lücke. Wir bilden nicht die tatsächlichen Bedarfe ab.“ Planungsprozesse basieren oft auf allgemeinen Hypothesen wie „Armut macht einsam“ oder „Gesundheit ist eine Geldfrage“. Diese sind zwar übergreifend durch Studien belegt, bilden jedoch die spezifische lokale Realität und das subjektive Empfinden der Kinder vor Ort nicht hinreichend ab.

Wir fragen nicht nur, wie es den Kindern geht, sondern auch, was sie brauchen.
- Isabel Schwandt

Genau hier setzt die UWE-Befragung an, um diese Lücke zu füllen. Mit einem ressourcenorientierten Blick auf die Bedarfe und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen verhindert dieser Ansatz eine reine Defizitdebatte und rückt stattdessen die Hebel für eine positive Entwicklung in den Fokus. „Uns geht es nicht nur darum zu schauen, wo Probleme liegen. Wir wollen vor allem verstehen: Unter welchen Bedingungen geht es Kindern eigentlich gut und was sind die sie stärkenden Faktoren?“so Schwandt. Zur präzisen Abbildung bündelt das Verfahren mehrere validierte Items zu aussagekräftigen Konstrukten, wie Optimismus, Zugehörigkeit zu Gleichaltrigen und Schulzugehörigkeit. Diese Faktoren stellen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Bildungsprozesse dar.

Mit der UWE-Befragung generieren Kommunen planungsrelevante Informationen zur kindlichen Lebenswelt.

Das subjektive Wohlbefinden wird in diesem Modell anhand von fünf Dimensionen erfasst, die sich in ihrer direkten Beeinflussbarkeit unterscheiden: Während vier dieser Dimensionen durch gezielte Maßnahmen von Kommune und Schule aktiv gestärkt werden können, ist die fünfte Dimension – die innere soziale und emotionale Entwicklung der Kinder – anders gelagert und entzieht sich einer direkten Steuerung.

Icons und Logo: Familiengerechte Kommune e.V., Gütersloh

Hohe Beteiligungsquoten sichern Qualität der Ergebnisse und unterstützen eine verbindliche Maßnahmenentwicklung.

Erst eine hohe Rücklaufquote verleiht den Ergebnissen die nötige Aussagekraft, um steuerungsrelevant zu werden. Während klassische Erhebungen im Rahmen der Stadtentwicklungsplanung oft eine geringe Beteiligung aufweisen und meist nur ohnehin engagierte Bürger*innen erreichen, erzielt die UWE-Befragung durch die Durchführung direkt in den Schulen deutlich stabilere Werte. Dank gezielter Überzeugungsarbeit bei den Eltern liegt die Rücklaufquote trotz der notwendigen Einverständniserklärungen im Schnitt bei 65 Prozent – in Geldern wurden sogar 87 Prozent erreicht.

Isabel Schwandt beschreibt diesen Ansatz als „strukturelle Beteiligung“. Dieser Begriff umfasst weit mehr als nur den niederschwelligen Zugang im Klassenverband, durch den fast alle Kinder unabhängig von Status oder elterlichem Engagement erreicht werden.

Strukturelle Beteiligung bedeutet vielmehr, dass die UWE-Befragung kein einmaliges Projekt bleibt, sondern als kontinuierliches Monitoring-Instrument etabliert wird. Die Ergebnisse werden fest in bestehende Abläufe sowie in die Planungen von Schulen und Kommunen eingebettet. Ziel ist es, eine Verbindlichkeit zu schaffen, die sicherstellt, dass aus gewonnenen Daten konkrete Taten folgen.

Damit dies gelingt, sind die Kommunikation des Vorhabens sowie die politische und organisatorische Vorbereitung zentral. In Geldern unterstrich der Bürgermeister diese Relevanz, indem er persönlich die Schirmherrschaft übernahm. Er unterzeichnet nicht nur die Anschreiben zur Einholung der Einverständniserklärung, sondern ist auch persönlich bei den Workshops in den Schulen und bei dem kommunalen Strategie-Workshop vor Ort. Um die Verwaltungsspitze für das Vorhaben zu gewinnen, empfiehlt Erbozkurt-Beckers, konkrete Ansatzpunkte herauszustellen, die in der Regel aus der Befragung resultieren. Eine öffentlichkeitswirksame Partizipation von Kindern und Jugendlichen an kommunalen Entscheidungsprozessen z. B. in der Stadtentwicklung und der anschließende verbindliche Umgang mit den Ergebnissen stärken das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Lokalpolitik. „Das hat wiederum Ausstrahlungskraft auf die Schulleitungen, deren Zustimmung zur freiwilligen Teilnahme der Schulen an der Erhebung zentral ist“, erläutert er. Eine politische Unterstützung auf beiden Ebenen, Landkreis und kreisangehöriger Kommune, signalisiert: Die Ergebnisse werden ernst genommen und münden in konkretes Handeln, was so die freiwillige Beteiligung der Schulen, Lehrer*innen und Schüler*innen fördert. 

Merkmale wie Familiensprache und subjektiver Wohlstand ermöglichen eine differenzierte Analyse unterschiedlicher Gruppen.

Neben klassischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter oder Klassenstufe nutzt UWE weitere Differenzierungsmerkmale für eine präzise Analyse der Lebenswirklichkeiten. Migrationshintergrund wird lebensweltorientiert betrachtet: Anstelle formaler Staatsbürgerschaften stehen die zu Hause gesprochene Sprache sowie die familiäre Herkunft (Migrationshintergrund) im Fokus. Spätestens seit den PISA-Studien ist bekannt, dass die zu Hause gesprochene Familiensprache einen weitaus größeren Einfluss auf den Kompetenzerwerb und den Schulerfolg hat als der formale Status der Staatsangehörigkeit (OECD, 2019). 

Ein weiteres wesentliches Differenzierungsmerkmal bei UWE ist die Erfassung des subjektiven Wohlstands. Kinder im vierten Schuljahr nach dem exakten Haushaltsnettoeinkommen zu fragen, wäre wenig zielführend. Während selbst Erwachsene oft zwischen Brutto und Netto schwanken, entzieht sich diese Kennzahl der kindlichen Lebenswelt meist komplett. Dennoch erleben Kinder Armuts- oder Wohlstandslagen sehr unmittelbar und können präzise Auskunft über ihre subjektiven Eindrücke und Mangelerfahrungen geben.

Anstatt auf rein ökonomische Daten der Eltern zu setzen, fragt UWE daher nach der erlebten finanziellen Situation. Die Kinder bewerten Aussagen wie „Meine Familie muss oft sparen“ oder geben Auskunft über spezifische Merkmale der Haushaltsausstattung sowie grundlegende Aspekte wie die Möglichkeit, täglich zu frühstücken.

Wichtig ist hierbei die Unterscheidung: UWE bildet nicht die statistisch messbare, sondern die subjektiv empfundene Armut ab. Diese gefühlte materielle Sicherheit gilt als wesentlich genauerer Indikator für die psychische Gesundheit und die Entwicklungschancen eines Kindes als rein abstrakte Kennzahlen. Die Kombination dieser Merkmale ermöglicht es, soziale Benachteiligungen genau dort zu identifizieren, wo sie im Alltag wirksam werden, und die Schulstandortentwicklung präzise darauf auszurichten.

Indizes für Wohlbefinden und Ressourcen bilden das Herzstück der Analysen und zeigen Handlungsbedarfe sowie konkrete Ansatzpunkte auf.

Der Wohlbefinden-Index

fungiert als sensibles Frühwarnsystem für die Bildungsplanung und basiert auf sechs verschiedenen Konstrukten der sozialen, emotionalen und gesundheitlichen Entwicklung:

  • Lebenszufriedenheit: Wie bewerten Jugendliche ihre aktuelle Lebensqualität?
     
  • Optimismus: Wie formulieren Schüler*innen ihr Vertrauen in die eigene Zukunft?
     
  • Selbstwertgefühl: Wie sehr akzeptieren und schätzen Kinder und Jugendliche sich selbst?
     
  • Abwesenheit von Traurigkeit: Sind die jungen Menschen weitgehend frei von Traurigkeit?
     
  • Abwesenheit von Sorgen: Inwiefern bleiben die Schüler*innen im Alltag von Sorgen verschont?
     
  • Subjektives Körperbild: Wie nehmen Kinder und Jugendliche ihren eigenen Körper und dessen Entwicklung wahr?

Die Ressourcen-Indizes

unterstützt die Bildungsgestaltung, indem schützende und stärkende Faktoren herausgearbeitet werden. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Kontexten Familie, Schule und lokaler Gemeinschaft:

  • Gesundheitliche Basis: Essen Jugendliche regelmäßig und finden ausreichend erholsamen Schlaf?
     
  • Beziehungen zu Erwachsenen: Wie verlässlich sind die Bindungen zu erwachsenen Bezugspersonen? Wie aktiv unterstützen Erwachsene die Kinder und Jugendlichen?
     
  • Peer-Group: Welche Erfahrungen zu Akzeptanz und Freundschaften machen die Schüler*innen mit Gleichaltrigen?
     
  • Institutionelles Klima: Wie empfinden die Kinder und Jugendlichen das Schulklima?
     
  • Teilhabe: Wie sind die Kinder in organisierte Freizeitangebote wie Sportvereine oder Musikschulen eingebunden?

Stadt- und Schulbericht als Bausteine für eine Schulstandortentwicklung

Eine Fotosafari macht den Sozialraum der Kinder unmittelbar sichtbar.

Um die statistischen Daten mit bildhaften Einblicken in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu ergänzen, wurde die schriftliche UWE-Erhebung in Geldern durch eine Fotosafari erweitert. Diese Methode wird optional vom Verein Familiengerechte Kommune angeboten und stellt einen qualitativen, partizipativen Forschungszugang dar. Während die schriftliche Befragung standardisierte und statistisch auswertbare Daten zum subjektiven Wohlbefinden liefert, eröffnet die Fotosafari eine forschende Perspektive auf das konkrete Lebensumfeld der Kinder. Im Rahmen dieser Methode fotografieren die Kinder Orte, die sie als positiv oder negativ erleben. Dadurch werden räumliche Qualitäten, Nutzungserfahrungen und wahrgenommene Problemlagen sichtbar, die in einer Fragebogenerhebung nur eingeschränkt erfasst werden können. Darüber können z. B. konkrete „Angsträume“ (z. B. dunkle Unterführungen oder ungepflegte Plätze) identifiziert werden ebenso wie Orte mit besonderer Aufenthaltsqualität, die aus Erwachsenensicht in Planungsprozessen oft übersehen werden. „Die besondere Stärke der Fotosafari liegt in der unmittelbaren Visualisierung: Kinder erhalten die Möglichkeit, Erwachsenen ihre Perspektive als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt anschaulich zu vermitteln. Dadurch wird Handlungsbedarf oft direkter greifbar“, erklärt Isabel Schwandt.

Für viele Kinder übernimmt der öffentliche Raum die Funktion eines Kinderzimmers.
- Denis Erbozkurt-Beckers

Die Ergebnisse in Geldern waren verblüffend und konkret. „Eine Erkenntnis war: Kinder in Geldern verbringen den Großteil ihrer Freizeit draußen“, so Erbozkurt-Beckers. Dies signalisierte ein hohes Grundvertrauen in die Sicherheit in der Stadt und führte zu einer neuen Perspektive in der Verwaltung: Für viele Kinder übernimmt der öffentliche Raum die Funktion eines Kinderzimmers. Diese Haltung schärfte sofort den Blick für Sauberkeit, Beleuchtung und sichere Wege. Die Fotosafari lieferte konkrete Ansatzpunkte, die direkte Maßnahmen für mehr Sicherheit und ein größeres Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen auslösten. Der visuelle Beweis verleiht den Forderungen der Kinder eine enorme Durchsetzungskraft gegenüber der Politik. Die Fotosafari transformiert abstrakte Daten in eine erlebbare Realität und schafft so die notwendige Dringlichkeit für konkrete bauliche oder soziale Veränderungen in der Region.

Die Ergebnisse der UWE-Befragung verändern das Mindset der Verwaltung nachhaltig.

Die Kombination dieser Merkmale ermöglicht es, soziale Benachteiligungen dort zu identifizieren, wo sie entstehen. In Geldern lösten die Ergebnisse einen fundamentalen Perspektivwechsel aus. „Es hat unser Mindset geändert“, berichtet Denis Erbozkurt-Beckers. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Unterschiede zwischen den Schulen so groß sind.“ Während an einer Schule knapp 80 Prozent der Kinder angaben, gerne zur Schule zu gehen, waren es an einer anderen lediglich 35 Prozent.

Solche Daten lassen sich politisch nicht ignorieren. Sie wurden zur Legitimationsgrundlage für weitreichende Entscheidungen:

  • Ausbau der Schulsozialarbeit: Die Belege über die Bedeutung sozialer Beziehungen führten zu einem einstimmigen Ratsbeschluss zur Mittelaufstockung.
  • Strategische Neuausrichtung: Der Kinder- und Jugendförderplan wurde unter dem Leitbild „zusammen. sicher. glücklich.“ völlig neu gedacht.
  • Konkrete Hilfsangebote: Mit dem „Eltern-Kind-Lotsen“-Programm wurde eine Maßnahme geschaffen, die Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf beim Übergang von der Kita in die Grundschule durch aufsuchende Beratung und Vernetzung begleitet.

Ziel aller abgeleiteten Maßnahmen ist stets ein gelingender Bildungsstart durch eine bedarfsgerechte Unterstützung, die genau dort ansetzt, wo die Daten den Handlungsbedarf aufzeigen.

Praxistipps für interessierte Kommunen

Politische Rückendeckung und Multiplikatoreffekte

Grundlegende Bedingung für die Durchführung der Befragung ist die freiwillige Beteiligung der Schulen. Insbesondere für Landkreise ist es daher hilfreich, auch die Bürgermeister*innen der kreisangehörigen Städte und Gemeinden als aktive Fürsprecher*innen zu gewinnen. Sie sind Bindeglied zu den Schulleitungen und Eltern sowie häufig auch in der Verantwortung als Schulträger.

Interne Ressourcen und Prozesssteuerung

Trotz externer Unterstützung durch den Verein Familiengerechte Kommune ist eine feste interne Ansprechperson in der Verwaltung unverzichtbar. Diese steuert die Kommunikation zwischen Ämtern, Schulen und Kooperationspartner*innen über alle Ebenen hinweg. Planen Sie hierfür explizite Zeitkapazitäten ein. Eine reibungslose Umsetzung steht und fällt mit dieser zentralen Schnittstelle in der Verwaltung. Nicht nur die Umsetzung profitiert, sondern auch die anschließende Nutzung der Ergebnisse in der Bildungsplanung, Jugendhilfeplanung oder Stadt- bzw. Kreisentwicklung wird unterstützt.

Cleveres Andocken an bestehende Strukturen

Reduzieren Sie den Aufwand für Schulen, indem Sie die Befragung in den Schulalltag oder Lehrplan integrieren. Formate wie die „Fotosafari“ lassen sich hervorragend als praxisnahe Sozialraumerkundung im Unterricht umsetzen. Wenn die Befragung einen pädagogischen Mehrwert bietet, steigt die Motivation der Lehrkräfte zur aktiven Mitwirkung.

Umwelterleben, Wohlbefinden und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen werden in Geldern zum Zentrum kommunalen Handelns für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Die Erfahrungen aus Geldern zeigen: Die UWE-Befragung kann den Anstoß für einen Kulturwandel in der Verwaltung geben: Sie liefert die notwendigen Daten, um das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum kommunalen Handelns zu rücken und die Lücke zwischen statistischen Annahmen und den realen Bedarfen zu schließen. 

Die Stadt Geldern plant eine Wiederholung der UWE-Befragung. Dann sollen die Siebt- und Neuntklässler*innen befragt werden. Die Auseinandersetzung mit den Lebenswelten der Kinder mag aufwändig erscheinen, doch die Ergebnisse sind für jede Kommune, die sich ernsthaft mit der Gestaltung von Zukunftsorten befassen will, von großem Wert. Die Ergebnisse stärken dabei auch die Zusammenarbeit von Schule, Jugendhilfe und Stadt und leisten so einen direkten Beitrag zu einer gelingenden Schulstandortentwicklung für gerechtere Bildungschancen. Die datenbasierte Entwicklung von Handlungsstrategien nah an den Bedarfen und Ressourcen vor Ort trägt zu einer zielgerichteten und passgenauen Ressourcensteuerung bei. Denis Erbozkurt-Beckers richtet daher einen klaren Appell an andere Kommunen:

“Traut euch, seid mutig, seid kreativ. Wir haben viel zu tun.”

Für interessierte Kommunen: Kontakt aufnehmen und UWE umsetzen.

Kontakt

Wenn Sie Interesse an einer Umsetzung der Befragung zu Umwelt, Wohlbefinden und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Ihrer Kommune haben, wenden Sie sich an Isabel Schwandt vom Verein Familiengerechte Kommune: infoREMOVE-THIS.@.@.@.www.@...@.@(at).@.www.familiengerechte-kommune.@@.:.:&""de

Kosten

Die Kosten berechnen sich je nach Anzahl der Schulen, Umfang der Begleitung (z. B. Workshops) und Unterstützung im Prozess und beginnen derzeit bei ca. 1.500,00 € pro Schulstandort. Zur Finanzierung bietet es sich an Schnittstellen innerhalb der Kommune zu suchen, z. B. Kreisentwicklung, Jugendhilfe, Bildungsgestaltung sowie Fördermöglichkeiten von Land und Bund zu recherchieren.

Überblick zum Prozessablauf

Projekt-Website: Entdecke UWE – Monitoring für kommunale Bildungslandschaften. https://entdecke-uwe.de/

Bücker, S., Nuraydin, S., Simonsmeier, B. A., Schneider, M., und Luhmann, M. (2018). Subjective well-being and academic achievement: A meta-analysis. Educational Research Review, 24, 67–94.

Hartley, J. E. K., Levin, K., und Currie, C. (2016). A new version of the HBSC Family Affluence Scale - FAS III: Scottish Qualitative Findings from the International FAS Development Study. Child Indicators Research, 9, 233–245.

Hascher, T. (2024). Wohlbefinden in der Schule ist kein Luxus. Schulmanagement, 55(5), 8–11.

Hascher, T., und Hagenauer, G. (2018). Wohlbefinden und Emotionen in der Schule. In T. Hascher und G. Idel (Hrsg.), Handbuch Schulpädagogik (S. 362–372). Klinkhardt.

Knüttel, K., und Kersting, V. (2021). Sozialräumliche Spaltung in Kindheit und Jugend. Ethnische und soziale Segregation von Kindern und Jugendlichen in deutschen Städten (Arbeitspapier 18). Bertelsmann Stiftung.

Knüttel, K., Stefes, T., Albrecht, M., Schwabe, K., Gaffron, V., und Petermann, S. (2021). Wie geht’s Dir? Ungleiche Voraussetzungen für das subjektive Wohlbefinden von Kindern in Familie, Schule und Stadtteil (Arbeitspapier 19). Bertelsmann Stiftung.

OECD (2019). PISA 2018 Results (Volume III): What School Life Means for Students’ Lives. OECD Publishing.

Reiß, F., Moor, I., Winter, K., Richter, M., und Bilz, L. (2024). Ergebnisse der HBSC-Studie 2009/10 – 2022: Zeitliche Trends in der subjektiven Gesundheit, der Lebenszufriedenheit und bei psychosomatischen Beschwerden von Heranwachsenden. Journal of Health Monitoring, 9(1), 16–35.

Ryan, R. M., und Deci, E. L. (2020). Intrinsic and extrinsic motivation from a self-determination theory perspective: Definitions, theory, practices, and future directions. Contemporary Educational Psychology, 61, 101860.

Sliwka, A. (2024). Pädagogik der Jugendphase: Wie wir Jugendliche in der Schule erreichen. Beltz.

Stefes, T. (2024). Adolescent Perspectives on Distance Learning and Schools’ Impact on Subjective Well-being. Child Indicators Research. doi.org/10.1007/s12187-024-10123-x

Strohmeier, K. P. et al. (2021). Konzeption und Durchführung der UWE-Befragung 2021 (ZEFIR-Materialien Band 22). Ruhr-Universität Bochum.

Ansprechpartnerin

KOSMO-Newsletter

Mit allen Infos rund um das kommunale Bildungsmonitoring!

Kontakt

Standort Potsdam

kobra.net, Kooperation in Brandenburg, gemeinnützige GmbH
Benzstr. 8/9, 14482 Potsdam

Ansprechpartner:
Tim Siepke, Leitung

0331 / 2378 5331
infoREMOVE-THIS.@.@.@.www.@...@.@(at).@.www.kommunales-bildungsmonitoring.@@.:.:&""de

Standort Trier

Kommunales Bildungsmanagement Rheinland-Pfalz - Saarland e.V.
Domfreihof 1a | 54290 Trier

Ansprechpartner:
Dr. Tobias Danz, Leitung

0651 / 4627 8443
infoREMOVE-THIS.@.@.@.www.@...@.@(at).@.www.kommunales-bildungsmonitoring.@@.:.:&""de

Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.