Warum eigene Erhebungen wichtig sind
Wen erreichen Angebote der politischen und kulturellen Bildung und was bewirken sie?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist für Kommunen die Betrachung der Bildungsbeteiligung und Wirkungen durch eigene Erhebungen sinnvoll. Auf dieser Unterseite zeigen wir, welche Möglichkeiten und Materialien sich hierzu Kommunen bieten. Zudem blicken wir in die Praxis in die Region Koblenz-Mittelrhein, wo im Jahr 2022 eine Kulturnutzerstudie durchgeführt und die Ergebnisse als Dashboard veröffentlicht wurden.
Nicht nur die Angebote, sondern auch deren Nutzung ist für die Gestaltung der politischen und kulturellen Bildung bedeutsam. Welche Angebote sind besonders nachgefragt? Wie lässt sich die soziodemografische Zusammensetzung der Teilnehmenden beschreiben? Und welche Wirkungen lassen sich mit welchen Angeboten herbeiführen? Diese Fragen erweitern die struktur- und angebotsbezogene Perspektive des kommunalen Monitorings der politischen und kulturellen Bildung um die der Teilnahme- und Wirkungsebene.
Die Messung von Wirkungen der politischen und kulturellen Bildungsangebote stellt aufgrund komplexer Wirkungszusammenhänge eine Art Königsdisziplin für Kommunen dar (Unterberg 2023). Zwar können Kommunen z. B. Teilnehmende sowie Zielgruppen konkret zur Zufriedenheit mit und zur Bedeutung von Angeboten befragen oder Statistiken der jeweiligen Anbieter auswerten, jedoch können die Aggregatdaten der Anbieter und die Befragungsdaten ggf. nicht aufeinander bezogen werden. Sowohl die Datenlage, als auch die adäquaten Methoden stellen folglich hohe Anforderungen an die kommunale Analyse von Wirkungen der politischen und kulturellen Bildung.
Blick in die Praxis: Region Koblenz-Mittelrhein - Dashboard der Kulturnutzerstudie 2022
Mit einer Kulturnutzerstudie wurden im Jahr 2022 in der Region Koblenz-Mittelrhein die Interessen, Präferenzen, Nutzungsgewohnheiten und Veränderungen von Akteuren und Rezipienten in den Bereichen kulturelle Bildung, Vor-Ort-Kultur sowie eigener kultureller Aktivitäten untersucht. Die Befragung sollte Erkenntnisse über die publikums- und nutzerspezifische Nachfrage liefern sowie Aufschluss über die kulturellen Bedürfnisse und fehlenden Angebote geben. Im Interview mit der KOSMO erläutert Bildungsmonitorer Carsten Dohms das Vorgehen sowie die Schwerpunkte der Analyse. Im Rahmen eines Dashboards sind zudem die Ergebnisse aufbereitet worden.
Politische und kulturelle Bildung im Sozialraum
Dass Kommunen prinzipiell Einfluss auf die Wirkung der politischen und kulturellen Bildung nehmen können, zeigt die Forschung: So besteht z. B. ein positiver Zusammenhang zwischen dem Angebot der politischen Bildung in Volkshochschulen und der Höhe der Wahlbeteiligung (Martin und Reichart 2020).
Zudem stellt sich vielen Kommunen die Frage, wie Beteiligungs- und Wirkungsperspektiven mit Aspekten des Sozialraums verknüpft werden können. Anders gefragt: Wie können Kommunen ihre Angebote der politischen und kulturellen Bildung bedarfsgerecht steuern sowie Hürden der Teilhabe (Stichwort: Nichtnutzung) verstehen und ggf. überwinden? Mit dem Sozialraum ist in diesem Zusammenhang ein „Handlungsraum“ gemeint, der – zu einem gewissen Grad unbestimmt – die Lebenswelt und das Wohnumfeld umfasst (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2020). Auch in der Forschung zu kultureller Bildung wird dem Thema Sozialraum eine große Bedeutung beigemessen, wenngleich der „Raum“ hier eher topografisch-administrativ verstanden wird (Büdel et al. 2022a; Hübner 2015).
Das kommunale Bildungsmonitoring sollte in diesem Zusammenhang die Analyse der politischen und kulturellen Bildung mit sozialräumlichen Perspektiven verschränken und so den Beitrag von Kommunen zu chancengerechter Bildungsteilhabe unterstützen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Daten entsprechend strukturiert sind, d. h., dass z. B. eine Kombination aus Individual- und Kontextdaten möglich ist. Ein Beispiel für eine solche Analyse ist die kartographische Darstellung des Anteils der aktiven Nutzer und Nutzerinnen der Stadtbibliothek an der Gesamtbevölkerung nach Altersgruppen und Wohnort, wie sie die Stadt Bielefeld unter Nutzung der Grundschuleinzugsbereiche durchgeführt hat (Jösting et al. 2018, S. 134). Auch qualitative Erhebungen können Akteure und Institutionen der politischen und kulturellen Bildung für ein sozialräumliches Bildungsmonitoring sichtbar machen. Allerdings sind sie nur bedingt dazu geeignet, Nutzungspraktiken der Zielgruppen so nachzuvollziehen, dass sich daraus Ableitungen auf der Maßnahmenebene ergeben.
Indikatoren und Datenquellen
Die Nutzungsperspektive wird in den Produkten der kommunalen Bildungsberichterstattung z. B. durch die Entwicklung von Teilnehmendenzahlen an VHS-Kursen im Zeitverlauf abgebildet. Zum Teil finden sich auch zusammengefasste Darstellungen, die auf Individualdaten basieren, wenn diese in den jeweiligen Datenquellen enthalten sind. So präsentieren einige Bildungsberichte z. B. Statistiken zur Entleihe von Bibliotheksmedien nach Alter oder Geschlecht. Die in bundesweiten Statistiken vorhandenen Daten (z. B. aus der Bibliotheks-, Theater- oder Musikschulstatistik) werden hierbei auch um kommunale Daten bzw. Daten der jeweiligen kommunalen Kulturinstitution (z. B. VHS) ergänzt. Diese Ergänzungen werden häufiger von Städten als von (Land-)Kreisen vorgenommen, was u. a. auf die leichtere Datenverfügbarkeit zurückgeführt werden kann (Förster 2021, S. 6). Vereinzelt finden sich in den kommunalen Produkten auch sozialräumliche Ansätze bei der Datendarstellung, z.B. in Form einer Kartendarstellung des Anteils der Nutzenden der Stadtbibliothek an der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Postleitzahl- oder Grundschuleinzugsbereichs (Bauer-Stiasny et al. 2013, S. 197; Jösting et al. 2018, S. 134).
Welche Datenquellen, Indikatoren und Kennzahlen Kommunen laut Anwendungsleitfaden (Giar et al. 2020) hinsichtlich der Darstellung von Bildungsbeteiligung und Wirkungen der politischen und kulturellen Bildung nutzen können, ist in Tabelle 1 dargestellt. Die Tabelle enthält analog zu den Akteuren und Angeboten die jeweilige Datenquelle (bzw. den Verweis auf die Notwendigkeit einer eigenen Erhebung), die kleinstmögliche räumliche Aggregationsebene, den Zeitabstand der Veröffentlichung aktualisierter Daten (Periodizität) sowie eine Einordnung in das Kontext-Input-Prozess-Output-Modell (KIPO).
Tabelle 1: Indikatoren und Kennzahlen für das kommunale Bildungsmonitoring der Bildungsbeteiligung und Wirkungen politischer und kultureller Bildung (Bereiche Weiterbildung und Non-formale/informelle Lernwelten); die Bezeichnung der Indikatoren und Kennzahlen folgt dem Anwendungsleitfaden (Giar et al. 2020).
Erhebungsstrategien und anschlussfähige Analysen
Sofern Kommunen eigene Erhebungen in den Themenfeldern der politischen und kulturellen Bildung vornehmen, sind auch differenziertere Datenanalysen nach spezifischen Themen (z. B. politische Jugendarbeit) und Individualmerkmalen (z. B. Migrationshintergrund) möglich. Hierbei nutzen Kommunen unterschiedliche Herangehensweisen: Möglich sind u. a. einmalige Erhebungen mit einem speziellen Fokus, wie sie z.B. für den Bildungsbericht 2013 des Landkreises Osnabrück (Abeling und Stockmann 2013, S. 140–173), den Jugendsurvey 2019 der Stadt Freiburg i. Br. (Post und Reinders 2019) oder die Sozialraumplanung der Stadt Trier (Friedrich 2022) durchgeführt wurden. Hierbei kann es sich auch um Erhebungen handeln, die nichtreaktive Verfahren nutzen, also Verfahren, die keine Reaktion (z. B. von Befragten) erfordern (Stadt Freiburg i. Br. 2022). Dies kann z. B. eine Analyse der Abnutzung des Fußbodens im Museum sein, um Rückschlüsse auf die Beliebtheit von Exponaten zu ziehen. Auch eine Analyse von Graffiti-Spuren im Stadtgebiet nach Häufigkeit, Orten und Inhalten ist denkbar, um Jugendkulturen oder Sozialräume zu analysieren (Heikamp 2014). Weitere Ansätze bestehen in der Ergänzung bestehender (und ggf. regelmäßig wiederholter) Befragungen (z. B. Bürgerbefragungen; Jahn et al. 2014) oder auch der Auswertung von landesweiten Erhebungen auf der kommunalen Ebene (Reents 2014, S. 138–140).
Die noch bestehenden Datenlücken in den Themenfeldern der politischen und kulturellen Bildung legen nahe, je nach kommunalem Erkenntnisinteresse nicht nur soziodemografische, sondern auch inhaltliche Variablen der politischen und kulturellen Bildung auf der Individualebene zu erheben. Diese können über bestimmte Instrumente (z. B. Skalen und Items aus Fragebögen und Tests) abgedeckt werden.
Die Datenbanken des Forschungsdatenzentrums Bildung und des Open Access Repositoriums für Messinstrumente (ZIS) enthalten Informationen zu Forschungsinstrumenten wie Skalen, Konstrukten und Fragebögen sowie zu Testinstrumenten und bieten damit eine gute Recherchebasis, um von der Kommune geplante Erhebungen mit in der Wissenschaft getesteten und etablierten Instrumenten durchzuführen. Möchte eine Kommune beispielsweise die Wirkungen von Projekten zur Stärkung der Demokratiekompetenz mittels eigener Erhebungen messen, kommt die Verwendung einer Skala zur Einschätzung politischer Wirksamkeit (political efficacy) im Rahmen einer Umfrage infrage (Political Efficacy Kurzskala PEKS; Beierlein et al. 2014). Soll die kulturelle Anpassung von zugewanderten Menschen in einer Kommune untersucht werden, bietet sich die Verwendung der Skalen zur Akkulturationsorientierung an (AkOrM; Maehler 2018). Die PEKS ist in Tabelle 2 zusammenfassend dargestellt.
Als weitere anschlussfähige Projekte und Analysen aus der Forschung sind große repräsentative Längsschnittstudien wie das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) und das Nationale Bildungspanel (NEPS) zu nennen, die in der folgenden Abbildung dargestellt sind.
Die Dokumentation dieser Erhebungen kann von Kommunen genutzt werden, um Trends auf Bundesebene zu analysieren und sich Orientierung hinsichtlich der methodischen Umsetzung eigener Erhebungen zu verschaffen. Für Kommunen sind die Datensätze selbst nicht zugänglich, da die Weitergabe nur an wissenschaftliche Einrichtungen erfolgt.
Der Abschlussbericht des Projekts „InKuBi – Indikatoren für kulturelle Bildung“ stellt einige dieser Indikatoren und Kennzahlen zur kulturellen Bildung zusammen, die Kommunen im Rahmen eigener Erhebungen nachnutzen können (Belet et al. 2023). Speziell für die Analyse von Wirkungszusammenhängen müssen Datensätze Informationen zu allen Aspekten beinhalten, die in Beziehung zueinander gesetzt werden sollen. Des Weiteren müssen – je nach Fragestellung – auch dieselben Individuen über die Zeit erfasst werden, um Effekte auf der Individualebene messen zu können. Möglich sind z. B. die simultane Erhebung von kulturbezogenen Merkmalen, Variablen der politischen Teilhabe sowie individuellen Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen. Die weiteren Indikatoren zur Bildungsbeteiligung und zu den Wirkungen der kulturellen Bildung sind in Tabelle 3 zusammenfassend dargestellt. Auf eine Differenzierung nach der niedrigsten regionalen Bezugsebene sowie der Periodizität wird hierbei verzichtet, da mit diesen eigenen Erhebungen von Individualdaten verschiedene Aggregationsebenen (z. B. bis hin zur kleinräumigen bzw. sozialräumlichen Ebene) und (wiederkehrende) Erhebungszeiträume realisiert werden können. Ebenso ist die Datenquelle nicht mit aufgeführt. Es handelt sich um Items aus den Studien NEPS, AID:A und KuBiPaD. Bei einigen der dargestellten Indikatoren und Kennzahlen kann deren Erhebung für Kommunen in der Praxis mitunter schwer zu realisieren sein (z. B. Kompetenzmessungen).
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Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.