Einführung: Was ist politische Bildung? Was ist kulturelle Bildung?
Um die Themen der politischen und kulturellen Bildung zielgerichtet im Bildungsmanagement und auch der Bildungsberichterstattung bearbeiten zu können, benötigen Kommunen zunächst ein grundlegendes Verständnis beider Themenbereiche. Die auf dieser Seite vorgestellten Definitionen der politischen und kulturellen Bildung helfen Kommunen dabei, die Themen einzugrenzen sowie die Analysezugänge nach ihren Zielstellungen und Bedarfen auszurichten.
Auf dieser Seite erfahren Sie zudem mehr zur Bedeutung der politischen und kulturellen Bildung für und in Kommunen und können sich einen Überblick hinsichtlich der Herausforderungen verschaffen, denen sich Kommunen in diesen Themenfeldern gegenübersehen. Außerdem werden Handlungsansätze aufgezeigt, mit denen diesen Herausforderungen begegnet werden kann.
Definition politischer Bildung
Politische Bildung [ist ein] Sammelbegriff für ein schulisches oder außerschulisches […] Lernen und […] Einwirken auf den Mitmenschen, um politisches Verhalten, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit, Bereitschaft und Kompetenz, demokratische Spielregeln und Grundwerte, Problembewußtsein und Urteilsfähigkeit [sowie] das Denken in Alternativen zu vermitteln (Mickel 2005, S. 729).
Diese Definition politischer Bildung ist für Kommunen besonders anschlussfähig, da sie mehrere Perspektiven auf das Thema umfasst und somit nicht nur einen guten Überblick leistet, sondern auch verschiedene Möglichkeiten eröffnet, das Thema datengestützt zu beschreiben. In Abbildung 1 sind die Systematik der Definition, ihre Perspektive auf die Rolle des Individuums sowie die von ihr angesprochenen Dimensionen der politischen Bildung zusammenfassend dargestellt.
Abbildung 1: Aspekte der Definition politischer Bildung. Siehe hierzu auch Biedermann und Reichenbach (2009), Overwien (2021, S. 115) sowie Wohnig (2021, S. 18).
An diese Definition knüpft das von der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung verfasste Konzept der politischen Bildung an, das methodische Kompetenzen, politische Urteilsfähigkeit und politische Handlungsfähigkeit beinhaltet. Mit diesem Konzept ist auch der sogenannte Beutelsbacher Konsens verbunden. Er enthält ein Überwältigungsverbot (d. h., ein Verbot der politischen Indoktrination), ein Gebot der Kontroversität sowie ein Gebot der Orientierung an den Interessen der Teilnehmenden politischer Bildungsprogramme (Overwien 2021, S. 116). Gesellschaftspolitische Aushandlungsprozesse setzen die politische Bildung unter einen stetigen Reformdruck, dem sich auch Kommunen in der Gestaltung der politischen Bildung gegenübersehen (Kalina 2014, S. 37–39).
Die politische Bildung hat sich seit Anfang der 2000er-Jahre ausdifferenziert und umfasst die mitunter als konkurrierend beschriebenen Unterformen der Politikdidaktik auf der einen und der Demokratiepädagogik auf der anderen Seite. Während sich die Politikdidaktik vor allem auf die Vermittlung der Demokratie als Herrschaftsform fokussiert, sieht die Demokratiepädagogik ihr Ziel in der Vermittlung der Demokratie als Lebensform, wodurch sich auch Widersprüche zwischen diesen beiden Disziplinen in konkreten Bildungssettings ergeben können (Pohl 2009; Sturzenhecker und Wohnig 2019).
Definition kultureller Bildung
Im Gegensatz zur politischen Bildung lässt sich für die kulturelle Bildung keine weithin anerkannte Definition formulieren. Vielmehr ist der gemeinsame Konsens von Kulturwissenschaften und kulturpädagogischer sowie künstlerischer Praxis, dass eine Definition kultureller Bildung im Grunde nicht leistbar ist – zumindest nicht über ein sehr allgemeines Niveau hinaus (Ijdens 2016, S. 9–10). Gemein ist verschiedenen Definitionsversuchen vor allem die Betonung des Ästhetischen (verstanden als Stärkung der menschlichen Empfindungsfähigkeit; Gieseke 2010, S. 31), der Persönlichkeitsbildung (Fobel und Kolleck 2021, S. 324; Fuchs 2001, S. 4) sowie gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Integration (Weishaupt und Zimmer 2013, S. 83–84; Witt 2022).
Aufgrund dieses Umstands finden sich in der Literatur zahlreiche Beispiele für Definitionen kultureller Bildung, die möglichst breit und damit auch durch entsprechende weitere Operationalisierungen empirisch handhabbar sind. So betonen z. B. die UNESCO-Richtlinien für die Entwicklung kultureller Bildung lediglich, dass kulturelle Bildung formale und non-formale Bildung sowie informelles Lernen umfasst, auf kulturellen Ausdruck und kulturelle Aktivitäten gerichtet ist und somit zu einem gewissen Grad der weiteren gesellschaftlichen Ausformulierung bedarf (Ijdens 2016, S. 9–10).
Cultural education, in this sense, includes any learning about, with or through artistic and cultural items or activities (Fobel und Kolleck 2022, S. 4).
Systematischer lassen sich im Vergleich zu den Definitionen die Dimensionen und mit ihnen verbundenen Funktionen der kulturellen Bildung beschreiben. Sie sind in Abbildung 2 dargestellt.
KULTURELLE BILDUNG IST VIELFÄLTIGE BILDUNG
Dimensionen
Kulturelle Bildung kann sich unterschiedlich manifestieren: Zum einen in einer künstlerisch-ästhetischen Form, die etwa durch die Aneignung von Wissen der Kunst-, Kultur- und Literaturgeschichte (systematisch-rezeptive Dimension) oder durch das eigene künstlerische Schaffen (selbsttätig-kreative Dimension) gepägt ist. Zum anderen kann sie einen sozio-kulturellen Schwerpunkt haben, der durch Verständnis und Kommunikation, etwa im Rahmen interkultureller Begegnungen gekennzeichnet ist.
Teilhabe
Die verschiedenen Dimensionen der kulturellen Bildung sind in Bezug auf ihre gesellschaftliche Reichweite nicht gleichwertig. Der Bereich des eigenständigen kreativen Schaffens ist oft ohne umfangreiche Vorkenntnisse zugänglich und öffnet somit breitere Zugänge zur kulturellen Teilhabe. Im Gegensatz dazu erfordert der systematisch-rezeptive Zugang ein höheres Maß an Vorwissen und ist somit herausfordernder in der breiten Vermittlung.
Abbildung 2: Dimensionen und Funktionen kultureller Bildung. Eine ähnliche Kategorisierung findet sich bei Bamford (2009, S. 12) in learning for the Arts (Wissen über Institutionen, z. B. das Theater), learning in the Arts (Vermittlung künstlerischer Techniken, z. B. Spielen eines Musikinstruments) und learning through the Arts (Vermittlung weiteren Wissens durch kulturelle Methoden, z. B. Kunstprojekte zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung).
Auch die Angebotsformen der kulturellen Bildung lassen sich kategorisieren, und zwar in Angebote eigenständiger Einrichtungen der kulturellen Bildung, Angebote von Kultur-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, einrichtungsunabhängige Aktivitäten und Kooperationen verschiedener Anbieter (Witt 2022). Diese Unterscheidung zeigt, dass das Angebot kultureller Bildung weit über eine bestimmte Einrichtung hinausgeht: So muss kulturelle Bildung nicht zwingend in einem dafür vorgesehenen Gebäude (z. B. einem Museum) stattfinden. Die verschiedenen Dimensionen und Angebots-/Einrichtungstypen sind in der folgenden Tabelle 1 samt einiger Beispiele für entsprechende Angebote dargestellt. Die Zuordnung hierbei ist nicht notwendigerweise eindeutig, da Angebote auch mehrere Dimensionen abdecken können.
Politische und kulturelle Bildung findet sowohl in formalen Kontexten wie der Schule oder Hochschule als auch in organisierten Formen statt, die nicht mit einem formalen Abschluss enden. Sie gehören zur non-formalen Bildung (Fuchs 2001, S. 8; Trang Le und Kolleck 2022, S. 336). Non-formale politische und kulturelle Bildung reicht vom Erlernen eines Musikinstruments in der Kreismusikschule bis hin zum Bildungsurlaub und kann somit entlang der gesamten Bildungskette eines lebenslangen Lernens stattfinden. Zudem kann sich politische und kulturelle Bildung informell vollziehen, also außerhalb organisierter Bildungsveranstaltungen. Dass ein großer Teil der kommunalen politischen und kulturellen Bildung – und damit auch der kommunalen Bildungsberichterstattung in den beiden Themen – auf den non-formalen Bereich entfällt, ist sowohl den kommunalen Zuständigkeitsbereichen, aber auch der Tatsache geschuldet, dass non-formale Bildungsangebote verstärkt den Rückgang formaler (Schul-)Bildung in den beiden Themenbereichen kompensieren. Zugleich gehen diese non-formalen Angebote allerdings häufig mit einer sozioökonomischen Ungleichverteilung der Teilnehmenden einher.
Warum politische Bildung ein Thema für Kommunen ist ...
Kommunen sind wichtige Orte der politischen Bildung, denn in kommunalen Kontexten wirken nicht nur spezifische Effekte der politischen Bildung, sondern Kommunen können auch gezielt als Akteur der politischen Bildung auftreten. Die Abbildung 3 stellt diese beiden Perspektiven zusammenfassend gegenüber.
POLITISCHE BILDUNG IN KOMMUNEN
Kommunen als Ort
politischer Bildung
- Politische Bildung unterstützt die Wahrnehmung von Grundrechten der Bürgerinnen und Bürger vor Ort.
- Politische Bildung schafft Verständnis für kommunalpolitische Entscheidungsprozesse.
- Politische Bildung ist die Grundlage für die Einbindung der lokalen Zivilgesellschaft in demokratische Prozesse.
Kommunen als Akteur politischer Bildung
Kommunen koordinieren Angebote der politischen Bildung.
- Kommunen stärken politische Bildung durch Partizipationsmöglichkeiten auf
kommunaler Ebene (z. B. konsultative Bürgerbefragungen, Jugendparlamente).
Abbildung 3: Perspektiven der politischen Bildung in Kommunen
Literatur: Allianz Vielfältige Demokratie (2017); Bleckmann 2018; Möltgen-Sicking 2021; Transferagentur Kommunales Bildungsmanagement Bayern 2021a
Welche Herausforderungen sich aus der Bedeutung politischer Bildung für Kommunen ergeben und mit welchen Handlungsansätzen Kommunen diesen Herausforderungen begegnen können, ist in Tabelle 2 zusammenfassend dargestellt. Hierbei ist für Kommunen auch zu bedenken, dass rechtliche Vorgaben für die politische Bildung auf Bundes- und Länderebene einen Großteil der Rahmenbedingungen der politischen Bildung in Deutschland darstellen (Kalina 2014, S. 146-154).
Hierbei wird deutlich, dass sowohl die Herausforderungen als auch die Handlungsansätze in der grundlegenden Arbeit des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements angesiedelt sind und sich spezifische Ansätze für das Bildungsmonitoring erst aus diesen grundständigen Aufgaben ergeben können.
... und welche Formen politischer Bildung in Kommunen bearbeitet werden können
Kommunen sollten sich der Unterscheidung der Disziplinen Politikdidaktik und Demokratiepädagogik im Hinblick auf ihre inhaltliche Ausrichtung, aber auch ihre Bildungsberichterstattung bewusst sein und bestenfalls klären, welche Form(en) der politischen Bildung verfolgt, gefördert und dokumentiert werden soll(en).
Politikdidaktik
- vermittelt Demokratie als Herrschaftsform
- eher im Fokus infrastruktureller und institutioneller Förderung, z. B. projektungebundene Förderung von Organisationen der außerschulischen politischen Jugendbildung
- in den vergangenen Jahren deutlich weniger gefördert als demokratiepädagogische Projekte (z. B. „Demokratie Leben“) (Waldmann 2020)
Demokratiepädagogik
- vermittelt Demokratie als Lebensform
- fokussiert die Integration bürgerschaftlichen Engagements in die kommunale Bildungslandschaft und in formale Bildungsinstitutionen (Klein und Schwalb 2014)
- eher im Fokus projektförmiger (statt infrastruktureller) Förderung; durch das Übergewicht projektförmiger Förderungsstrukturen in den vergangenen Jahren entsteht so auch ein Übergewicht demokratiepädagogischer Konzepte zu Ungunsten der Politikdidaktik (Waldmann 2020)
Kulturelle Bildung in Kommunen
Im Bereich der kulturellen Bildung sind Kommunen Kernverantwortliche und zentrale Gestalter der kulturellen Infrastruktur (Liebau und van Hooven 2018, S. 66). In den vergangenen Jahren haben sich nicht nur die kommunalen Kulturausgaben stetig erhöht, sondern stellen mit knapp 40 Prozent im Vergleich zu den Ausgaben der Länder und des Bundes auch den größten Anteil der öffentlichen Kulturausgaben dar (Ade et al. 2022, S. 25).
Kulturelle Bildung kann in Kommunen z. B. dem Kultur- oder Bildungsbüro, aber auch dem Jugendamt zugeordnet sein. Doch obwohl die kulturelle Bildung zahlreiche Verbindungen zu anderen Bildungsbereichen aufweist und vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung als „Instrument von Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung“ eine ressortübergreifende Aufgabe darstellt (Engelmann und Nestler 2022), müssen Querschnittsperspektiven auf kommunaler Ebene oft erst einmal hergestellt werden. Dies kann erfolgen durch:
- Erarbeitung und Präsentation von Mehrwerten
- Reflexion und Präsentation des Erfolgs konkreter Projekte
- kommunalpolitische Beschlüsse
- koordinierende Stellen und
- funktionsfähige Netzwerke aus Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Jugendarbeits- sowie Verwaltungsakteuren (Kelb 2022; Schorn 2022).
Hierbei sind die unterschiedlichen Interessen und Ziele der einzubindenden Akteure zu bedenken: So steht z. B. bei Kulturinstitutionen meist die Kulturproduktion im Mittelpunkt, während die kulturelle Bildung für sie eher eine Randaufgabe darstellt (Rehm 2022).
Die Kommune ist Träger „klassischer“ Kultureinrichtungen wie des Theaters, der Musikschule, des Konzerthauses oder der Bibliothek und somit für die Planung und Pflege der Infrastruktur sowie die Koordination zwischen formalen und non-formalen Angeboten verantwortlich. In ihrer Beschäftigung mit dem Thema Kultur spiegeln sich zudem regionale Unterschiede wider: Kulturelle Bildung ist z. B. in ländlichen Regionen vor allem durch Freiwilligenaktivität geprägt, oft selbst finanziert durch Mitgliedsbeiträge und abhängig von der Erreichbarkeit des Angebots (Fobel und Kolleck 2022, S. 4). Angebote der Jugendarbeit sollen z. B. vor dem Hintergrund räumlich differenzierter Ressourcen und Bedingungen zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse beitragen.
Gestaltung kultureller Bildung: Anknüpfungspunkte für Kommunen
Die konkreten Herausforderungen der Kommunen und ihre möglichen Handlungsansätze hinsichtlich der Gestaltung kultureller Bildung sind in Tabelle 3 zusammenfassend dargestellt. Wie bei der politischen Bildung wird auch für die kulturelle Bildung deutlich, dass die Herausforderungen und Handlungsansätze in vielerlei Hinsicht die Grundlagenarbeit des datenbasierten kommunalen Bildungsmanagements ansprechen.
Tabelle 3: Herausforderungen und Handlungsansätze der Gestaltung kommunaler kultureller Bildung; zusammengefasst nach Transferagentur Kommunales Bildungsmanagement Bayern (2021b, S. 2–3).
Ansprechpartner
Dr. André Förster
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Standort Potsdam
kobra.net, Kooperation in Brandenburg, gemeinnützige GmbH
Benzstr. 8/9, 14482 Potsdam
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Tim Siepke, Leitung
0331 / 2378 5331
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Standort Trier
Kommunales Bildungsmanagement Rheinland-Pfalz - Saarland e.V.
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Dr. Tobias Danz, Leitung
0651 / 4627 8443
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Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.